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Karel Reiner

1910-1979

Im nordböhmischen Žatec (Saaz) als Sohn von Sime Reinerová und Josef Reiner, dem jüdischen Oberkantor der Stadt, geboren, wuchs Karel Reiner in einem Klima von Toleranz und ethnisch-kultureller Vielseitigkeit auf. Auf Wunsch seines Vaters studierte er zunächst Jura und wurde 1933 zum Dr. jur. promoviert. Sein starker künstlerischer Ausdruckswille führte ihn jedoch parallel zu seinem Studium an der Prager Universität auch zu Kompositionsstudien bei Alois Hába, Schüler Vítězslav Nováks und Franz Schrekers, und später in die Meisterklasse von Josef Suk am Prager Konservatorium, die er mit großem Erfolg in der Hälfte der dafür vorgesehenen Zeit absolvierte.

Nicht zuletzt als musikalischer Leiter des für seine avantgardistischen und gesellschaftskritischen Inszenierungen bekannten Theaters Emil František Burians in Prag gelang es Karel Reiner, sich im Prager Musikleben der 1930er Jahre zu etablieren. Ihm blieb jedoch wenig Zeit, seine Erfolge zu genießen. Nach der Okkupation und anschließenden Errichtung des "Protektorates Böhmen und Mähren" durch die Nationalsozialisten wurden öffentliche Aufführungen von Musik auch in der Kulturmetropole Prag in ein so enges Korsett gezwängt, dass sich die Auswahl der erlaubten Werke auf ein Minimum reduzierte. Für Reiner, der sich als Jude mit besonders starken Diskriminierungen konfrontiert sah, und dem – wie allen Juden – jegliches öffentliches Musizieren untersagt wurde, war das Organisieren geheimer Hauskonzerte in Privatwohnungen eine Form geistig-kulturellen Widerstandes. Er avancierte zu einer der Initiativpersönlichkeiten dieser Konzerte – in ständiger Furcht vor Denunziationen. 1942 entstand unter den Eindrücken der Besatzung das wohl innigste Klavierwerk Karel Reiners, die 2. Sonate für Klavier. Reiner selbst schrieb über diese Sonate:

"Mit ihr habe ich vor meiner Abreise ins Unbekannte mein bisheriges Schaffen sozusagen beendet und meine Ansichten in sie einverleibt. Der energische 1. Satz bearbeitet am Abschluss im Bass den Hussitenchoral ‚Kdož sú boží bojovníci‘ [‚Wo die Gotteskämpfer sind‘] – als die Basis unseres Daseins, in der Mitte die tschechische Hymne ‚Kde domov můj’ – als sensibles Element, und oben – als Gedankenrichtung – die Internationale. Die Melodien erklingen gemeinsam. Der 2. Satz ist lyrisch. Der 3. Satz bearbeitet tschechische Tanzrhythmen, besonders die Polka und den ‚Furiant’. Der 4. Satz soll den unaufhaltsamen Sieg ausdrücken" (Übersetzung: Hana Reinerová). Die Sonate trägt den Untertitel „Vítězstvi“ (tschech.: Sieg).

Reiners Stil zeichnete sich zeitlebens durch eine ungeheure Vielseitigkeit aus und bewegte sich ebenso zwischen verspielten Zwölfton- und experimentellen Klangstudien wie zwischen der "athematischen Kompositionsmethode" Alois Hábas und spätromantisch anmutenden Klangmalereien.

Noch im Mai 1942 heiratete Karel Reiner die ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammende Hana Steinerová. Am 5. Juli 1943 ereilte beide das Schicksal der Deportation nach Theresienstadt. Dort engagierte Reiner sich neben seiner täglichen Arbeit in einem der Knabenheime auch als Pianist und Komponist in der so genannten "Freizeitgestaltung". Auch Karel Reiner wurde – wie viele Musiker – in die letzten Transporte eingereiht, die Theresienstadt im Herbst 1944 in Richtung Auschwitz verließen. Ihm war es als einzigem Komponisten vergönnt, zu überleben, doch erlangten die Torturen der Internierung für ihn schon bald eine neue Dimension. Seine Eltern starben in Theresienstadt, seine Ehefrau wurde im Anschluss an die Deportation nach Birkenau zu schwerer körperlicher Arbeit in der Rüstungsindustrie im Zwangsarbeitslager Freiberg gezwungen. Karel Reiner selbst wurde in das neu angelegte Arbeitslager Kauffering deportiert, wo er eine Erkrankung mit Fleckentyphus ebenso überlebte wie den Todesmarsch zum Tegernsee, in den er bei der Evakuierung des Lagers geriet. Anschließend gelangte er über München in das zu diesem Zeitpunkt bereits von den Amerikanern befreite KZ Dachau.

Körperlich geschwächt nahm Karel Reiner nur wenige Wochen nach der Rückkehr aus dem KZ seine Arbeit in Prag wieder auf. Er fand sehr bald eine Anstellung bei seinem ehemaligen Lehrer und Freund Alois Hába. An dessen neu gegründeter Opera 5. května (Oper des 5. Mai) wirkte Reiner von 1945 bis 1947. In den Jahren 1947 bis 1949 arbeitete er als Sekretär des Syndikats tschechoslowakischer Komponisten und ab 1949 als Sekretär des Verbandes tschechoslowakischer Komponisten. Von Seiten offizieller politischer Funktionsträger begegnete man dem Schaffen Karel Reiners jedoch immer wieder mit dem Vorwurf des Individualismus und Formalismus und behinderte damit seine Karriere. Auch sein seit der Vorkriegszeit bestehendes Interesse an und die Beschäftigung mit der Anthroposophie erregte Argwohn.

Einer vorübergehenden Liberalisierung, die im Prozess der einsetzenden Entstalinisierung Mitte der 1960er Jahre auch im Bereich der Kultur begrenzte Freiheiten mit sich brachte, folgten Ernüchterung und Schock nach den politischen Konsequenzen der Ereignisse des "Prager Frühlings" 1968. Auch Karel Reiner fand sich unter den Verlieren der einsetzenden Phase der so genannten "Normalisierung" wieder. Enttäuscht von dem Scheitern der viel versprechenden Reformen und entsetzt von der zunehmenden Zensur – besonders im Bereich von Kunst und Kultur – trat er 1970 aus der KPČ aus. Die Abgabe seines Parteibuches sollte für ihn, der als Funktionsträger und bekannte Persönlichkeit des tschechischen Kulturlebens die Aufmerksamkeit der Partei besonders auf sich zog, nicht ohne Folgen bleiben: Dem sich anschließenden Aufführungsverbot seiner Werke im Inland und im sozialistischen Ausland und der Forderung zur Niederlegung seiner öffentlichen Ämter begegnete der Künstler mit kritischen Kompositionen, wie beispielsweise einem Liederzyklus nach Texten des systemkritischen DDR-Schriftstellers Reiner Kunze. Bis zu seinem Tod 1979 blieb Karel Reiner ein kritischer und selbstkritischer Künstler, der seinen Anschauungen auch mit den Mitteln der Musik Ausdruck zu verleihen verstand.

Anke Zimmermann (2006, aktualisiert am 15. Dez. 2009)

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