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Meldungen Archiv 2010


Meldungen August 2010


Ricordi-Komponisten beim Arcana Festival

Mit dem Arcana Festival im österreichischen St. Gallen im Gesäuse gewinnt die Neue Musik ein wichtiges neues Forum. Alljährlich im Sommer soll hier künftig ein zwölftägiges Who-is-Who der Neuen Musik präsentiert werden, der Startschuss fällt am 28. Juli. Schon im ersten Jahr werden bis zum Finale am 8. August zahlreiche Komponisten-Persönlichkeiten erwartet, darunter einige Komponisten der Universal Music Verlage Ricordi München, Ricordi Mailand und Durand-Salabert-Eschig Paris. Namensgeber für das Festival ist das gleichnamige Orchesterstück von Edgard Varèse, dessen Werke ebenfalls auf dem Programm stehen. So führt das Schlagquartett Köln mit weiteren Gastmusikern am 30. Juli "Ionisation" von 1929-31 auf. Die Komposition zählt zu den ersten reinen Schlagwerkkompositionen der westlichen Kunstmusik.

Am selben Abend erklingt von Gérard Grisey "Le Noir de l'étoile" von 1989/90 für sechs Schlagzeuger und Pulsarklänge, die Musiker gastieren zudem mit "Pléïades" von Iannis Xenakis (1. August). Es folgen weitere Werke von Xenakis: u.a. interpretiert Robyn Schulkowsky (Schlagzeug) "Psappha" von 1975 (29. Juli), und das Zebra Trio ist mit dem Streichtrio "Ikhoor" zu erleben (7. August).

Von Grisey stehen am 3. August außerdem "Solo pour deux" für Klarinette und Posaune sowie "Taléa" für Kammerensemble an. Es musizieren Ernesto Molinari (Klarinette), Uwe Dierksen (Posaune) und das ensemble recherche. Zuvor startet ein Scelsi-Schwerpunkt mit "Natura renovatur" für elf Streicher, Ernst Kovacic leitet das Wrocławska Orkiestra Kameralna Leopoldinum (29. Juli). Der Pianist Marino Formenti gestaltet wiederum Scelsis "Action Music", unter Erwin Ortner gastiert der Arnold Schoenberg Chor mit "Yliam" von 1964 (beides 2. August).

Mit Spannung erwartet wird zudem das Gastspiel des Pianisten Nicolas Hodges, der am 4. August mit den "Due Notturni crudeli" von Salvatore Sciarrino anreist. Ihm sind die Stücke gewidmet, auch hat er sie auf CD eingespielt (Metronome). Am selben Abend konzertiert das ensemble recherche mit Sciarrinos "Muro d’orizzonte" von 1996, Beat Furrer leitet am 6. August die Aufführung Mark Andrés Quintett "Asche", außerdem erklingt im selben Konzert Olga Neuwirths Streichquartett "Akroate Hadal". Beim großen Finale am 8. August stehen schließlich Werke von Varèse und Klaus Huber auf dem Programm.


Erstes Musiktheater von Odeh-Tamimi

„Madschnun heißt auf Arabisch ‚Der Wahnsinnige’, es ist eine Liebesgeschichte. Madschnun verliebt sich in Leila, seine Liebe wird zwar erwidert, bleibt aber wegen äußerer Umstände unerfüllt. Deswegen wird er wahnsinnig, gleichzeitig aber zu einem der berühmtesten Dichter seiner Zeit.“ So beschreibt Samir Odeh-Tamimi die Vorlage für sein abendfüllendes Musiktheater "Leila und Madschnun". Es ist die erste Beschäftigung des in Israel geborenen palästinensischen Komponisten mit diesem Genre, die Besetzung schreibt Countertenor, einen Schauspieler, Chor und Ensemble vor. Die Ruhrtriennale hat das Werk in Auftrag gegeben, die Uraufführung ist am 20. August in Bochum.

Der Titel des Musiktheaters verweist auf ein gleichnamiges Buch, das der persische Dichter Nezami Ganjavi niedergeschrieben hat – vermutlich im 12. Jahrhundert. Dabei handelt es sich um gesammelte Gedichte, die zu einer Geschichte zusammengefasst und herausgegeben wurden. Hierauf basiert das Libretto von Albert Ostermaier. „Es ist eine ähnliche Geschichte wie "Romeo und Julia", aber älter“, erklärt Odeh-Tamimi. „Im Grunde wird Madschnun erst im Wahnsinn der größte Dichter aller Zeiten im arabischen Raum. Er hat seinen Stamm verlassen, ist in die Wüste gezogen, lebte in völliger Askese, gemeinsam mit den Tieren.“ Schon frühzeitig hat sich Odeh-Tamimi mit dem Buch beschäftigt. Im November 2009 haben Jeremias Schwarzer und das Münchener Kammerorchester "Madjnun" für Blockflöte und Orchester uraufgeführt, es folgte die Bearbeitung "Madjnun II" für Blockflöte und Männerchor, 2010 uraufgeführt in Köln vom WDR-Chor unter Rupert Huber.

„In dem Buch äußert sich eine große Sehnsucht nach Leila, nach Heimat und nach Familie. Man könnte diese Sehnsucht stillen, aber man tut es nicht immer. Das ist letztlich die Problematik in dem Buch.“ Bei der Uraufführung von "Leila und Madschnun" am 20. August leitet Peter Rundel das ChorWerkRuhr und die musikFabrik, Willy Decker führt Regie. Die Partie des Madschnun übernimmt der Countertenor Hagen Matzeit, als Salam konnte der Schauspieler Aleksander Radenkovic gewonnen werden. Die Bühne und die Kostüme entwirft Wolfgang Gussmann (mit Unterstützung von Susana Mendoza), für das Licht zeichnet Andreas Grüter verantwortlich. Die Produktion ist bis zum 3. September zu sehen.


Poppe: Japanische Erstaufführung von "Markt"

Als „sinfonische Urlaubsimpressionen“ möchte Enno Poppe sein Orchesterwerk "Markt" nicht verstanden wissen. Vielmehr spricht er von einem „komplexen System, das auf zahllosen Einzelakteuren“ beruhe – „dynamisch, manchmal unvorhersehbar, immer von allem zu viel.“ Das 17-minütige Stück wurde im September 2009 in Donaueschingen uraufgeführt, nun steht am 25. August in Tokyo die japanische Erstaufführung an. Youichi Sugiyama leitet das Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra.


Sciarrino: Deutsche Erstaufführung von "Studi per l’intonazione del mare"

Für die deutsche Erstaufführung von Salvatore Sciarrinos "Studi per l’intonazione del mare" von 2000 am 26. August hat sich die Berliner Akademie der Künste etwas Besonderes ausgedacht. Tatsächlich nämlich werden musikbegeisterte Laien gemeinsam mit dem KNM Berlin unter Roland Kluttig musizieren. Die Besetzung des Werks sieht Countertenor, vier Saxofone, vier Flöten, Schlagwerk sowie ein sich bewegendes Orchester von hundert Flötisten und hundert Saxofonisten vor.


Die Klangspuren Schwaz eröffnen mit Newskis Kammeroper "Franziskus"

Dass Sergej Newski in seinem ersten Musiktheaterwerk das Leben und Wirken des Heiligen Franziskus reflektiert, ist ein starkes Signal. Immerhin hat schon Olivier Messiaen über den Heiligen Franziskus eine Oper geschrieben. Doch geht Newski in seiner Kammeroper "Franziskus", deren erste drei Szenen am 9. September bei den Klangspuren im Tiroler Schwaz konzertant uraufgeführt werden, andere und eigene Wege. Denn: „Die Hauptfigur des Franziskus wird zwei Darstellern übertragen“, erklärt Newski; „einerseits einer eher trockenen, teils ironischen, teils expressiven Stimme eines Sprechers, andererseits einem Countertenor, der in den wichtigsten Szenen und Momenten der Simultanerzählung auftritt.“

Das abendfüllende Werk hat insgesamt vier Bilder und schreibt zwei Soprane, Countertenor, Sprecher, sechzehn Chorsänger und zwanzig Instrumentalisten vor. „Franziskus ist im Wesentlichen ein Trialog“, so Newski. „Die vier Szenen bilden vier Bilder eines Heiligenlebens, erzählt von der Figur des Franziskus selbst.“ Grundlage bildet das Stück "Heiliger Franz" von Claudius Lünstedt, das speziell für dieses Projekt geschrieben wurde. Die wichtigste Quelle dieses Textes sind wiederum zwei Lebensbeschreibungen des Franziskus-Weggefährten Thomas von Celano. „Franz ahnt, sein Leben wird ein schwieriger Kampf“, erläutert Lünstedt. „Je näher er den Ärmsten der Welt kommt, desto reicher scheint ihm das eigene Leben, und desto abscheulicher findet er sich selbst“, so Lünstedt. „Grundthese des Textes ist, dass Franz nur versucht, zu überleben, ohne sich selbst zu verleugnen. Erlösung verspürt er, sobald er ein süßes geistiges Gefühl (Glauben) erfahren kann – für Momente dieser Art ist er bereit, alles zu geben, den Körper zu zerstören. Die Heiligsprechung passiert mit einer nervösen Mystifizierung, die Wunder auflistet. Die Quantität der seltsamen Taten erschlägt jeden ungläubigen Gedanken (Zweifel).“ Die Wechselhaftigkeit und Expressivität der Hauptfigur stehe im Kontrast zur eher statischen Umgebung, erläutert Newski. „Die Solisten übernehmen die Rolle der Jünger, des Chores und des Volkes, werden aber auch als Einzelpersonen eingesetzt.“

Wichtiger Bestandteil der Musik ist das Schlagwerk, das auch elementare Materialien wie Stein, Holz oder Eisen integriert. „Dadurch wird die Brücke zwischen dem franziskanischen Gebot der Armut und Einfalt sowie der Ästhetik der italienischen Arte Povera geschlagen“, so Newski weiter. Dabei sollen die vier im Raum verteilten Schlagzeuger die Raumatmosphäre stets verändern. Bei der Uraufführung leitet Johannes Kalitzke den Lettischen Rundfunkchor, das Schlagzeugensemble Mark Pekarski, Windkraft Tirol und das Kilviria Streichquartett. Als Solisten sind Daniel Gloger (Countertenor), Natalia Pschenitschnikova (Sopran) und Jakob Diehl (Sprecher) zu erleben.

Im Rahmen des Transart Festivals in Bozen folgt am 12. September die konzertante italienische Erstaufführung der Kammeroper "Franziskus". Bei den Klangspuren in Schwaz realisiert zudem das Asasello Quartett die österreichische Erstaufführung von Newskis "3. Streichquartett" (23. September), Mikhail Doubov gestaltet das Klavierwerk "Exploding Rooms" (22. September). Zuvor wird am 17. September der Film "Yuriev Den – Yuri’s Day" von Kirill Serebrennikov von 2008 gezeigt, zu dem Newski die Filmmusik komponiert hat.


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