Pressestimmen zur Uraufführung von Olga Neuwirths Bählamms Fest am 19.6.1999 in Wien
Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau:
Nicht oft passiert es, daß man bei einer Musiktheater-Uraufführung
schon nach kurzer Zeit den Eindruck bekommt: Hier ist etwas ganz Neues,
Eigenes gelungen; eine unverwechselbare (Klang-)Sphäre; eine spezifisch
intonierte Welt. Von Olga Neuwirths Bählamm-Ton könnte man bald
ähnlich sprechen wie vom Freischütz-, Rosenkavalier- oder Lulu-Tonfall.
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Claus Spahn, Die Zeit (Hamburg)
Tief und dunkel sind die Schächte der menschlichen Abgründe,
in denen Leonora Carrington ihr Stück gefunden hat. Und dort schürfen
als Grubenarbeiterinnen des Obskuren, Perversen und Verdrängten immer
wieder auch Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, die aus Baah-Lamb's Holiday
nun eine bei den Wiener Festwochen uraufgeführte Oper gemacht haben.
Die Jelinek hat aus dem Stoff ein Libretto in 13 schlaglichtartigen Bildern
erstellt, und Olga Neuwirth ... hat es vertont. Eine einzige Temperatur
hat sie über das ganze Stück gelegt - Minusgrade, Eiszeit.
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Walter Weidringer, Die Presse (Wien)
Grandios zu erleben war, wie die Musik ... nicht nur 'einsprang', sondern
sich über alles erhob. Ohne pathetische Gestik, aber mit expressivem,
emotional wirkendem Engagement bäumte sich nach dem zehnten Bild mixturartig
ein Zwischenspiel auf, dessen brausende Klage in Stellung und Bedeutung
an Bergs Wozzeck gemahnte.
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Gerhard Koch, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Mit Crossover-Expeditionen nach Amerika hat sie sich zurückgehalten,
statt dessen einen Schritt zurück in die Zukunft getan, indem sie
ein Instrument quasi aus der Rumpelkammer des musikalisch-technologischen
Fortschritts hervorkramte: das Theremin ... auratisch zarte Sphärenmusik,
betörend zu hören wie als tönend-handchoreographische Luftplastik
wahrzunehmen: akustische Symbole überirdisch schöner Unwirklichkeit.
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Reinhard Kager, ORF 1 (Wien)
Entstanden ist ein alptraumartiges Musiktheater ... Stellen wie den
Trauermarsch mit dem abgeknallten Jeremy im Finale vergißt man nicht
so schnell: in ihnen manifestiert sich durch die Groteske hindurch das
Leiden an einer Gesellschaft, die das nicht-rationale Andere im Menschen,
das Sinnliche und Liebevolle nicht toleriert.
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Thomas Meyer, Tages-Anzeiger (Zürich)
Die Musik ist voller Leben, kratzbürstig, explosiv, humorvoll,
bar aller Betulichkeit. So umgeht Olga Neuwirth in diesem 'Musiktheater'
das Opernhafte geschickt. Den Text vertont sie streckenweise überhaupt
nicht - sie lässt ihn sprechen und setzt ihn nur in übersteigernden
Momenten in Kantilenen frei. So gibt sie der Musik auch ihre magische Kraft
zurück: die der Sehnsucht nach dem Anderen, nach dem Ungefassten,
Unfassbaren.
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Peter Hagmann, Neue Zürcher Zeitung
Die dreissigjährige österreichische Komponistin, eine der
herausragenden Erscheinungen ihrer Generation, schreibt - nicht nur hier,
hier aber ganz besonders - quirlig bewegte, lustige, anspielungsreiche
Musik ... mit seiner musikalischen Dramaturgie, etwa mit der Verbindung
unterschiedlicher Klangräume, weist das Stück von Olga Neuwirth
Ansatzpunkte auf, die mit Gewinn weiterverfolgt werden können. Vor
allem aber ist es mit blitzender Phantasie erdacht, bietet es einen spannenden,
nicht zuletzt auch unterhaltsamen Abend.
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Lásló Molnár, Salzburger Nachrichten
Das akustische Geschehen ist nicht Reflex von Seelenzuständen,
sondern kommt aus dem Umfeld und kündigt, wie Filmmusik, das Schicksal
an. Zusammen mit der ständig beschäftigten Elektronik erzeugt
das Klangforum Wien ein ungemein sattes, alles umhüllendes, geradezu
greifbares Klangerlebnis, für das sich Neuwirth in bewährter
Weise auch vor trivialen Motiven wie Chanson-Anklänge, Spielzeug-Musik
oder schmalzigen Gitarren-Glissandi nicht scheut und dennoch nie floskelhaft
wirkt.
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Olga Neuwirths Bählamms Fest:
Pressestimmen zur Uraufführung
Lange Version
Nicht oft passiert es, daß man bei einer Musiktheater-Uraufführung
schon nach kurzer Zeit den Eindruck bekommt: Hier ist etwas ganz Neues,
Eigenes gelungen; eine unverwechselbare (Klang-) Sphäre; eine spezifisch
intonierte Welt. Von Olga Neuwirths Bählamm-Ton könnte man bald
ähnlich sprechen wie vom Freischütz-, Rosenkavalier- oder Lulu-Tonfall.
Dabei erledigt sich auch die Befürchtung, Postmoderne sei nichts als
Eklektizismus, Resteverwertung, Traditionsstückelung. (Souverän
entzieht sich diese Oper eigentlich aller Postmoderne-Diskussionen). Es
erledigt sich auch die Frage, wie denn überhaupt noch zu komponieren
sei. Die durchdringende Begabung der 30jährigen Österreicherin
Olga Neuwirth macht sie gegenstandslos, indem sie sie (für sich) klar
beantwortet.
Freilich fällt es nicht leicht, die Musik zu Bählamms
Fest nach einmaligem Hören ... zu beschreiben; sie ist komplex
und geheimnisvoll, weitreichend im Gefühlsambitus und anspruchsvoll
in der technischen Faktur. Sie bewahrt Naivität, stellt Infantilismus
sogar drastisch aus (Kinderlieder und -instrumente), erzeugt andererseits
komplizierte und vieldeutige Zeichensysteme und integriert die verschiedenartigsten
Materialien in eine raffinierte ... elektronische Logistik. Als ein besonders
auffälliges Erkennungszeichen dieser Strategie wäre die bruchlose
Verwandlung einer Sänger-(Countertenor-) Stimme in Wolfsgeheul
hervorzuheben. Frappierend auch sonst der unmerkliche Übergang vom
'natürlichen' zum 'transformierten' Vokalklang. Ähnliches betrifft
auch die vokale Ebene. Das Orchester ist, in Kammerbesetzung, durchweg
solistisch formiert. Mit viel Schlagzeug-Einsatz entstehen überwiegend
'ungebräuchliche' (Spalt-, Reibe-, Klopf- Flirr-) Klänge, die
zudem oft noch elektronisch verfremdet erscheinen. ...
So attraktiv die Kombination von Vokalität, Instrumentalität
und elektronischem Equipment anmutet und so könnerhaft sie bewerkstelligt
wird, als entscheidend überzeugendes Merkmal von Olga Neuwirths Poetik
zeigt sich doch noch etwas anderes: die Fähigkeit, ein verwirrendes,
verhextes, ein rasant turbulentes und auf quirlige Art dunkles Geschehen
so zu musikalisieren, daß eben keine hektische Flipper-Dramaturgie
entsteht, sondern das gerade Gegenteil - der Anschein von Übersicht,
Ruhe, Fernblick. Das wird auch durch die die 13 Bilder verbindenden Zwischenspiele
erreicht, die sich eng an das Szenische anschließen und es sozusagen
reflexiv erstarren oder gefrieren lassen. Die Komponistin gibt diesen oft
quälend langsamen, befremdlich faszinierenden Musikstrecken weniger
die Qualität von aus dem Geschehen heraustretenden Kommentaren (wie
in Bergs Wozzeck), eher werden sie von der Dynamik der sichtbaren Vorgänge
selbst konstituiert. Das ist ein überaus origineller und bestechender
Ansatz, nicht zuletzt auch ein Sigel der eminenten tonsprachlichen Sicherheit,
über die Olga Neuwirth in jungen Jahren schon verfügt ...
Die Oper besinnt sich seit einiger Zeit auf einen ihrer sichersten Werte,
auf die dunklen Seiten der Einbildungskraft, auf den Zauber des Unheimlichen,
auf Märchen und Traum. ... Das jüngste Beispiel dazu entstammt
einer wunderbaren englisch-wienerischen Connection. Die 31-jährige
Komponistin Olga Neuwirth vertont Bählamms Fest, ein Stück
von Leonora Carrington, aus dem die Schriftstellerin Elfriede Jelinek ein
Libretto gefertigt hat. Das verheisst: Surealistisches aufs Prägnanteste
gefasst, in eine moderne Tonsprache gebracht, realisiert mit den technischen
Mitteln von heute. ...
Das Irrationale, verdrängt und bedrängend, feiert Urständ.
Aber mit einer simplen psychologischen Deutung ist es auch nicht getan.
Dafür geht das Trio Carrington-Jelinek-Neuwirth zu sprunghaft vor.
Jelineks Bearbeitung spitzt Carringtons Text noch zu. Und gerade die Musik
Olga Neuwirths führt das Stück weiter in neue Dimensionen.
Durch elektronische Klänge ab Tonband, aber auch das live gespielte
Theremin Vox wird eine kalte, oft eisige Atmosphäre geschaffen, die
das ganze Stück von knapp neunzig Minuten Dauer überzieht. Darüber
hinaus entsteht eine akustische, gerade hörspielartige Doppelbödigkeit:
Die Geräusche zu den Bühnenaktionen werden ab Band eingeblendet
und verstärken diese so auf groteske Weise. Stellenweise erklingt
der Gesang über die Lautsprecher und wird bruchstückweise von
den Sängerinnen verdoppelt. So wird jeder Realismus ausgehöhlt:
auf witzige und verquere, manchmal aber auch auf zauberhafte Weise. ...
Die Musik ist voller Leben, kratzbürstig, explosiv, humorvoll, bar
aller Betulichkeit. So umgeht Olga Neuwirth in diesem 'Musiktheater' das
Opernhafte geschickt. Den Text vertont sie streckenweise überhaupt
nicht - sie lässt ihn sprechen und setzt ihn nur in übersteigernden
Momenten in Kantilenen frei. So gibt sie der Musik auch ihre magische Kraft
zurück: die der Sehnsucht nach dem Anderen, nach dem Ungefassten,
Unfassbaren. 'Es ist, als brächen Bilder aus wie Krankheiten', schrieb
Jelinek in ihrem Exposé. Gerade das bestimmt auch den Gesang. Die
Stimmen scheinen sich so manchmal von den Personen zu lösen, die Musik
umschließt den Raum.
Tief und dunkel sind die Schächte der menschlichen Abgründe,
in denen Leonora Carrington ihr Stück gefunden hat. Und dort schürfen
als Grubenarbeiterinnen des Obskuren, Perversen und Verdrängten immer
wieder auch Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, die aus Baah-Lamb's
Holiday nun eine bei den Wiener Festwochen uraufgeführte Oper
gemacht haben. Die Jelinek hat aus dem Stoff ein Libretto in dreizehn schlaglichtartigen
Bildern erstellt, und Olga Neuwirth ... hat es vertont. Eine einzige Temperatur
hat sie über das ganze Stück gelegt - Minusgrade, Eiszeit. Ein
gläsernes, amorphes Sirren, Pfeifen, Zischen, Zittern in den höchsten
Tonlagen ist da als frostiger Klanghauch fast durchweg zu hören. Tönende
Kaltluft, die, zwischen Lautsprechern fluktuierend, eine imaginäre
Räumlichkeit evoziert und gleichzeitig als Atmosphäre des Grauens
wirkt. Über diese Ebene hinweg tobt eine ungebärdige konkrete
Musik bleckender Gestalten: jaulendes instrumentales Wolfsgeheul, hysterisch
gezackte Streichergesten, knurrende Bassinstrumente, die teilweise live-elektronisch
verfremdet werden und in hybriden Varianten auch verzögert durch das
Klanggeschehen geistern.
Neuwirth hat ein Faible für die Kombination aus Unbestimmtheit
und kraftvoller Konkretion, aus ertüftelter Klangsublimierung und
rotzig herausgeschleuderter Klangrandale. In ihrer Musik verbinden sich
hochgestochene Verarbeitungstechniken und Triviales. Zu Beginn des Lämmerfestes,
einer weihnachtlichen ausschweifenden Schlachtopferszene, ist eine krude
Kadenz aus Elektronikspielgeräuschen zu hören aus piependen,
ratternden Billigsounds und daddelnden Flipperkugeln. In der großen
Kinderzimmerszene, in der die sehnsüchtige Theodora in eine sadistische
Plüschwelt eintaucht und dem bösen Werwolf Jeremy begegnet, mixt
die Komponistin zerhackte Kinderlieder, irre laufende Glockenspiele, Schulklingeln
und quäkende Spielzeuginstrumente in die Partitur.
Ganz eigenständig ist da Neuwirths musikalische Fantasie. Ungeschützt
zwingt sie Heterogenes zusammen. Ihre prägnanteste Instrument-Entdeckung
ist die Theremin-Vox ... Die jaulenden, zugleich ätherisch und penetrant
glissandierenden Tonkurven, die in allen Bildern im Ensemblesatz auftauchen,
bewegen sich genau an dem Umschlagpunkt zwischen Banalität und Expressivität,
zwischen Lyrismus und Lächerlichkeit, den Olga Neuwirth in ihrem Komponieren
sucht. ...
Jedenfalls hat sie (Elfriede Jelinek) das Stück ... für die
Komponistin Olga Neuwirth zum Libretto gemacht. Hat es gestrafft, wie es
für das Musiktheater gefordert ist, hat es in den Zügen bösartiger
Komik zugespitzt und es vor allem mit einem neuen Schluß versehen.
Die jüngere Schwiegertochter Theodora ... endet nach gescheitertem
Ausbruchsversuch nicht in Umnachtung, sondern erhält eine Perspektive
durch den reinen Fortgang des Lebens: durch den Prozess des Alterns, wie
er auf einer Leinwand sichtbar gemacht wird, und, so ist zu schliessen,
das Wachsen von Autonomie...
Die dreissigjährige österreichische Komponistin, eine der
herausragenden Erscheinungen ihrer Generation, schreibt - nicht nur hier,
hier aber ganz besonders - quirlig bewegte, lustige, anspielungsreiche
Musik ... Mit seiner musikalischen Dramaturgie, etwa mit der Verbindung
unterschiedlicher Klangräume, weist das Stück von Olga Neuwirth
Ansatzpunkte auf, die mit Gewinn weiterverfolgt werden können. Vor
allem aber ist es mit blitzender Phantasie erdacht, bietet es einen spannenden,
nicht zuletzt auch unterhaltsamen Abend...
Anders als in vielen ihrer instrumentalen Stücke, deren wild verschlungene Wucherungen bewußt dissoziierend wirken, schafft Neuwirth eine atmosphärische Einheit durch eine eiskalte Grundschicht, die immer wieder hinter grotesken Verzerrungen lauert. Vollends zutage treten diese irisierend-kalten Klangflächen in den zwischen die dreizehn turbulenten Bilder eingefügten Eis-Schnee-Inseln ... Entstanden ist ein alptraumartiges Musiktheater ... Stellen wie den Trauermarsch mit dem abgeknallten Jeremy im Finale vergißt man nicht so schnell: in ihnen manifestiert sich durch die Groteske hindurch das Leiden an einer Gesellschaft, die das nicht-rationale Andere im Menschen, das Sinnliche und Liebevolle nicht toleriert.
Zum eigentlichen Faszinosum des Abends aber wurde Olga Neuwirths Musik ... In meisterhafter Selbstverständlichkeit war die Live-Elektronik dabei eminent wichtiger, aber integrierter Bestandteil des zum Teil vierteltönig agierenden Instrumentariums: Sie steuerte verfremdete Naturlaute bei, legte alltägliche Geräusche unter die akustische Lupe und legierte sich mit den Stimmen zu atemberaubenden Farben. Grandios zu erleben war, wie die Musik ... nicht nur 'einsprang', sondern sich über alles erhob. Ohne pathetische Gestik, aber mit expressivem, emotional wirkendem Engagement bäumte sich nach dem zehnten Bild mixturartig ein Zwischenspiel auf, dessen brausende Klage in Stellung und Bedeutung an Bergs Wozzeck gemahnte.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Elfriede Jelinek hat versucht, dem grusligen Gesellschaftsmelodram noch weiter aufzuhelfen, indem sie die disparate Vorlage noch einma schredderte ..., das absurd-abstruse Untoten-Kaleidoskop zum Rotieren brachte. Mit solcher Entkonkretisierung wird das Stück natürlich auch vereinheitlicht; um so mehr bietet es Olga Neuwirth Möglichkeiten, den Text vielfältig mit Musik zu überziehen, einer Mischung aus glänzender Folie, irrealem Spinnennetz und grotesken Akzenten. Mit Crossover-Expeditionen nach Amerika hat sie sich zurückgehalten, statt dessen einen Schritt zurück in die Zukunft getan, indem sie ein Instrument quasi aus der Rumpelkammer des musikalisch-technologischen Fortschritts hervorkramte: das Theremin ... auratisch zarte Sphärenmusik, betörend zu hören wie als tönend-handchoreographische Luftplastik wahrzunehmen: akustische Symbole überirdisch schöner Unwirklichkeit. Aber auch sonst hat Olga Neuwirths Partitur erhebliche Qualitäten in der Evozierung von Geisterwelten, mit Flageoletts und anderen Instrumentalverfremdungen, aber auch Elektronik ... Was live und real, was synthetisch entstand, war nicht immer unterscheidbar, addierte sich suggestiv zum - obschon letztlich sogar eher sanften - Horrorhörstück. ... Gleichwohl kennt ihre Musik auch drastischere Wirkungen, heuchlerische Triumph-Trompeten für den Werwolf oder zynische Wiedergänger-Walzer für den Reigen der Lämmer. Das Anderthalbstundenstück jedenfalls verlor nicht an Spannung. ...
Den starken, pointierten, sich zu überspannten Dialogen zuspitzenden
Text hat Olga Neuwirth weniger 'vertont' als ihn vielmehr in Klänge
gekleidet: die von Neuwirth ... kreierten Klänge suggerieren dem Hörer
die Stimmungen, welche die Gestalten auf der Bühne gerade beeinflussen.
Das akustische Geschehen ist nicht Reflex von Seelenzuständen, sondern
kommt aus dem Umfeld und kündigt, wie Filmmusik, das Schicksal an.
Zusammen mit der ständig beschäftigten Elektronik erzeugt das
Klangforum Wien ein ungemein sattes, alles umhüllendes, geradezu greifbares
Klangerlebnis, für das sich Neuwirth in bewährter Weise auch
vor trivialen Motiven wie Chanson-Anklänge, Spielzeug-Musik oder schmalzigen
Gitarren-Glissandi nicht scheut und dennoch nie floskelhaft wirkt.
Die Solisten sprechen fast mehr als sie singen; das steigert den Eindruck
des Zwanghaften, Überreizten. Die Stimmen der Tiergestalten werden
durch sogenanntes 'Morphing' (so etwas wie Gestalts-Umwandlung) mit ihren
'originalen' Tierstimmen vermischt und entmenschlicht ... Diese skurrile
Szenerie am Rande des Jenseits hat ein gutes Potential für Inszenierungen
am Rande des Diesseits ...