Olga Neuwirth über ihr Musiktheaterstück Bählamms Fest
 
 
In einem Vortrag am 1.8.1998 (gehalten im Rahmen von 'Music for Peace', einem im Institut für Musikwissenschaft der Universität Salzburg veranstaltenen Symposion), hat sich Olga Neuwirth erstmals ausführlich zu ihrem damals entstehenden Werk 'Bählamms Fest' geäußert. Aus dem Vortragstext, der im Sommer 1999 zusammen mit den andern Symposiumsbeiträgen in Buchform erscheinen wird, stammen die nachfolgenden Passagen.

Mein gerade entstehendes Musiktheater möge so etwas werden wie Joseph Conrads Schreiben, das genauso gefährdet war wie seine Reisen zur See. Ich hoffe, daß es beim Hörer eine Art  'Fernweh' auslöst, und dadurch sein Bedürfnis nach aufmerksamem Beobachten und Betrachten seiner Umgebung und seiner Mitmenschen intensiviert wird.

In all meinen permanenten Versuchen, mit abrupten Schnitten, Überlagerungen, rasch aufeinanderfolgenden Kontrasten, ins Nichts führenden Gesten und Montagen heterogener Materialien gegen die Absurditäten des Alltags anzulaufen, habe ich für dieses Musiktheaterprojekt auf ein surrealistisches Theaterstück von 1940  zurückgegriffen, in dem es um das zeitlose Thema der gesellschaftlichen Enge und Unterdrückung sowie um den erhofften Frieden durch Liebe geht. Verstärkt wird diese Problematik durch den realen zeitlichen Hintergrund, in dem das Theaterstück entstanden ist.

In den Tagen, in denen Leonora Carrington Das Fest der Lämmer schrieb, ein wildes Epos über ein perverses Familiengeflecht, in dem Liebe mit Herrschsucht einhergeht, wurde nicht nur ihr Freund Max Ernst in ein französisches Konzentrationslager abgeführt, sondern in diesen Tagen erlebte Frankreich das größte Desaster seiner Geschichte: Hunderttausende Tote forderte der Krieg allein im Juni 1940, doppelt soviele Verwundete, die Eroberung von zwei Dritteln seines Territoriums und die totale Demütigung des französischen Volkes. Die deutschen Truppen stießen bedrohlich rasch gegen Süden vor, wo Leonora Carrington und Max Ernst lebten.

Meine Entscheidung für genau dieses surealistische Theaterstück kommt aus einem 'Dürsten', wie es in  einer Passage aus Maurice Nadeaus Buch Geschichte des Surrealismus beschrieben wird, dort bezogen auf André Bretons surrealistisches Manifest Quëest-ce que le surréalisme? von 1934: "Die surrealistische Gesinnung, d.h. die surrealistische Verhaltensweise kommt nämlich zu allen Zeiten vor, sofern man sie als die Bereitschaft auffaßt, das Wirkliche tiefer zu ergründen, ohne damit sogleich transzendieren zu wollen, und 'sich die sinnlich wahrnehmbare Welt immer deutlicher und zugleich immer leidenschaftlicher bewußt zu machen' (André Breton), wonach ja alle jene Philosophien trachten, die sich nicht damit begnügen, die Welt nur sein zu lassen, wie sie ist; und wonach das Herz des Menschen dürstet, ohne je gestillt zu werden." Dies ist auch der Ansatzpunkt, der mich am Surrealismus reizt. Man kann, so denke ich, durch Überhöhung, Künstlichkeit und ironische Verfremdung und Distanz viel tiefer zur Wirklichkeit zurückkehren.

Zum Inhalt im Allgemeinen: Es handelt sich um eine sadistische Familiengeschichte  in skurril-surrealen Momentaufnahmen. Das Haus einer eigenartigen Familie steht in einer vollkommen fernen, heideartigen Landschaft. Wir haben also schon hier die Entfremdung, die in dem Stück eine große Rolle spielt, nämlich die innere und äußere Kälte. In diesem 'House of Usher', bei mir 'House of Carnis', finden sadistische Eiszeitgelüste übersinnlicher Art statt. Dieses etwas heruntergekommene bürgerliche Haus in der Abgeschiedenheit ist Schutzraum und Tollhaus zugleich, hier ist man sich nah und grausig fremd - das ist so komisch wie tragisch, so zärtlich wie schräg und schrill. Hier rücken in bizarren Impressionen von Familienleben Menschen und Natur ins Zentrum: eine äußere Welt, die in Gewalt, Kälte und Terror erstickt, und die kleine, innere Welt einer bürgerlichen Familie, die genormt ist bis in den letzten Winkel, aber plötzlich ins Chaos kippt, wenn Paare und Generationen sich über ihren ungestillten Sehnsüchten und Wünschen brutal in die Haare geraten.

Philip, der dem Ingwerwein ergebene, übelriechende, alternde, herrische Großbürger-Gatte mit Anklängen an Carringtons eigenen autoritären Vater, und Jeremy - halb Mensch, halb Wolf - die schneeweiße Lichtgestalt, das erhoffte Andere, dem die junge Theodora rettungslos verfallen ist, sind die beiden konkurrierenden Männerfiguren. Theodora versucht, dem tristen Alltag, gekennzeichnet durch Philips sadistische Kälte und die übertriebene Liebe der alten Mrs. Carnis zu ihren beiden Söhnen, Philip und Jeremy, zu entkommen. Sie sucht das Andere, Freie, Offene, Friedliche, Neue in der Gestalt des Wolfsmenschen Jeremy, einer Art von 'arktischem Vampir'. Das Kinderzimmer als Schutz- und Hoffnungsraum und als Raum zum Aufarbeiten der eigenen Geschichte wird ihr bevorzugter Aufenthaltsraum. Jeremy, ein Countertenor, erscheint ihr das erste Mal in diesem Zimmer. Er liebt sie zärtlich, entschwindet aber immer wieder. Philip und seine erste Frau Elizabeth verfolgen das Anderssein der beiden mit Haß. Es verwirrt sie die mögliche Veränderung. Philip ist eine Mischung aus ungeschicktem Trampeltier und pervertiertem Spießbürger, der um sich herum alles verwüstet. Elizabeth ist eine mondäne, rachsüchtige Frau. Ihrer beider sinnloses, wütendes, automatenhaft entleertes Vorwärtsstürmen gegen die Hoffnung, gegen Jeremy und Theodora, kennt keinen Anfang und kein Ende: Was zurückbleibt, ist eine menschenleere Landschaft. Blut, Krieg und Zerstörung werden evoziert. Der wildgewordene (Klein-) Bürger als Protagonist des Bösen, der Nährboden für Intoleranz.

Jeremy wird schließlich ermordet. Das Andere, Unorthodoxe, Freie darf nicht sein. Jeremy erscheint Theodora noch ein letztes Mal als Gespenst - all seine Gesänge kommen nun nurmehr aus einem Ghettoblaster. Sie werden mit einem Sound-morphing-Programm verändert. Er verspricht ihr, wiederzukommen. Aber nur, wenn sie folgende Bedingungen erfüllt: Schön muß sie bleiben, schön, fröhlich und jung. Theodoras Ausbruchsversuche scheitern am irren, intoleranten Schönheitskult. Hier endet das Theaterstück von Leonora Carrington in der absoluten Tristesse.

Die Librettistin Elfriede Jelinek und ich haben dieser letzten Szene aber noch ein Bild folgen lassen. Theodora ist sehr jung, und was wir nun am Ende aufzeigen wollten, ist analog zu dem, was Muriel Gardiner, eine amerikanische Psychoanalytikerin, in ihrem Artikel The wolfman grows older über Sigmund Freuds erste Fallstudie The Wolfman geschrieben hat. Dieser Mann war in ganz frühen Jahren in Behandlung bei Freud, mußte dann aber nach Freuds Tod noch sein gesamtes langes Leben mit seiner Krankheit  verbringen und dennoch darum ringen, ein eigenes, befreites Leben zu führen und Seelenfrieden zu finden. Dieses Moment, daß man sehr jung ein einschneidendes Erlebnis haben kann, mit dem man dann weiterleben muß, spielt in diesem Musiktheater am Ende eine entscheidende Rolle. Theodora wird aber eben nicht wahnsinnig. Wahnsinn ist dieser Nicht-Ort, den man den Frauen meistens als einzigen Ort, als Ort von Pseudo-Hoffnungen, zugesteht. Theodora wird zwar verlassen, kann aber aus ihrem Erlebten, ihrem Schmerz, ihrem verlorenen Liebesjubel, vielleicht Schlüsse ziehen und bewußt und mit realer Hoffnung und Kraft von Neuem beginnen. So haben wir einen pessimistisch-optimistischen Schluß gefunden, ein offenes Ende mit Hoffnungsschimmer. Umgesetzt wird dieses letzte Bild so, daß Theodoras Gesicht, auf der großen Filmleinwand, mittels eines Bild-morphing-Programmes langsam älter und älter wird, während sie als Bühnengestalt davorsitzt.

Ein weiterer Aspekt dieses Theaterstücks ist sein böser schwarzer Humor. Ich habe einen Stoff gesucht, bei dem man stets zwischen Lachen und Weinen schwankt. Ich finde, man kann einfach lachen, daß man ein Mensch ist, aber andererseits ist das Leben auch sehr traurig und trostlos. Ich mag eben beides - Slapstick und das Gegenteil. In der Geschichte von Carrington ist beides angelegt. Sie ist einerseits komisch - André Breton hat dieses Stück als 'érotisme comique' bezeichnet. Das Lachen ist der Ausnahmezustand. Es steht außerhalb des Gesetzes, es zeigt den Zustand des Verbotenen. Aber das Lachen kann auch eine Widerstandshandlung gegen den Schrecken sein. Das Lachen in diesem Stück steht jenseits verbaler Ordnung. Andrerseits ist es aber die konstant präsente Ebene der Auswegslosigkeit und des Schreckens.

Die Gegensätze zwischen Terror einerseits und  Menschenwürde, Freiheit und Hoffnung andererseits prallen am heftigesten im längsten Bild von Bählamms Fest aufeinander. Es ist die Szene im Kinderzimmer. Theodora flüchtet immer wieder in ihr Kinderzimmer, als Erinnerung an die Kindheit und auf der Suche nach Freiheit und Spiel, also zurück in eine Phase, in der man relativ frei leben konnte. Ein Rückzugsort, um der Illusionslosigkeit und der Erfahrung der Beengtheit zu entkommen. Hier begegnet sie auch das erste Mal dem Wolfsmenschen, der durch das Fenster hereinspringt. Das Kinderzimmer, wie schon gesagt, ist für mich in diesem Theaterstück das Symbol für Freihheit, Spiel und Hoffnung, aber auch das Zeichen sinnloser Gewalt und Brutalität, verdeutlicht durch den Auftritt der Haustiere, die von einem sadistischen Kind ermordet wurden und Theodora mit den Worten 'Das Leben ist doch viel schlechter!' in das Reich der Toten rufen.

Theodoras Einsamkeit und Anderssein, ihr Ausbrechenwollen aus dem Mief der Starrheit und ihr Scheitern sind gleichsam eine Form des Überlebens, des Mutes und ein Protest gegen den alltäglichen Wahnsinn und damit zugleich ein Mittel, sich der Emotionslosigkeit und Kommunikationsunfähigkeit des modernen Lebens zu stellen. Sie kämpft gegen Beengtheit an und setzt sich dadurch der Bequemlichkeit unserer von Medien dominierten  und an Regeln orientierten Gesellschaft entgegen.

Was das Komponieren meiner Musik anbelangt, möchte ich, da das Musiktheaterwerk noch nicht abgeschlossen ist, und ich noch einige musikalische Überlegungen anstellen muß, hier nur soviel sagen: Jedes der dreizehn Bilder stellt, je nach Situation, ein andersfarbiges Klangtableau verschiedener Dichtegrade dar. Musikalische Momentaufnahmen, die von Schärfe, Witz und Schnelligkeit - wie ich hoffe - bestimmt sind. Es gibt in diesem Sinn keine konventionell-narrative Dramaturgie außer, daß man den Ausbruchsversuch von Theodora  - als roten Faden - Bild für Bild verfolgen kann. Auf beinahe jedes Bild folgt, als von mir verändertes und erweitertes Blackout im Libretto, eine sogenannte 'Eis/Schnee-Insel'. Darin werden stets drei Instrumente und ab und zu auch zwei Gläser live-elektronisch verändert und in den Raum projiziert. Diese 'Eis/Schnee-Inseln' können so lange wie nötig gespielt werden und repräsentieren so in gewisser Weise die Grausamkeit und gleichzeitig nicht-nachahmbare Schönheit der Natur sowie auch die verschiedenenen Stimmungen der Heidelandschaft. Manchmal haben sie auch die Funktion, das vorhergegangene Bild zu verlängern und zu hinterfragen. Die Musik schaltet analog zu den verschiedenen Welten und Zuständen der handelnden Personen ständig zwischen unveränderten Ensembleklängen, live-elektronischen Klängen und Hybridklängen beider Ebenen hin und her.

© 1998 by Music for Peace / Olga Neuwirth. Kontakt: Ricordi München

Olga Neuwirth: Biographie, Werke