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G. Ricordi & Co. München
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Lange Zeit hat Carmen Maria Cârneci hauptsächlich für kammermusikalische Gesangs- und Instrumentalbesetzungen geschrieben. Es sind die Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme, an denen sie seit ihren frühesten Werken interessiert ist, und die sie auf Instrumente überträgt. Erst in der Oper Giacometti laufen dann erstmals alle Entwicklungsstränge ihrer bisherigen kompositorischen Arbeit zusammen, und in der Person und den Kunstwerken Alberto Giacomettis sieht sie einen wichtigen ästhetischen Identifikationspunkt.
Nach ihrem Studium in Bukarest bei Dan Constantinescu, Aurel Stroe und Iosif Conta arbeitet Carmen Maria Cârneci in Rumänien zunächst als Dirigentin. Es fällt ihr schwer – zumal als Frau – mit ihren Kompositionen in Rumänien den Durchbruch zu schaffen, denn sie kommt mit den staatlich verordneten traditionalistischen Kunsttendenzen nicht zurecht. Sie bewegt sich in verschiedenen Genrebereichen, schreibt eine groß besetzte Kantate, eine Bühnen- und eine Filmmusik, bis sie 1984 erstmals zu den Damstädter Ferienkursen für Neue Musik reisen darf und dann 1985 ein Stipendium des DAAD erhält, mit dem sie in Freiburg bei Klaus Huber studieren kann.
Schon während des Studiums in Bukarest sucht Carmen Maria Cârneci nach höchstmöglicher stilistischer Freiheit. Ihr erster Deutschlandaufenthalt gibt ihr die Möglichkeit, neue Klangerfahrungen zu machen und der stilistischen und ästhetischen Enge der rumänischen Gegenwartsmusik zu entrinnen.
Kompositorisches Ergebnis ihrer Teilnahme an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik ist das Stück dreisprachiges BILD im Dezember für Violine solo, entstanden 1985 und geschrieben für Irvine Arditti. Es ist vor allem die hohe Virtuosität Ardittis, die Carmen Maria Cârneci dazu veranlasst, dieses Werk zu schreiben. Aber nicht nur die ausgefeilte Spieltechnik des Geigers formt das Werk. Es ist der durch ihre erste Deutschlandreise aufgeworfene Konflikt zwischen der rumänischen Tradition und dem neuen, nach allen Seiten hin offenen musikalischen Denken, der in diesem Werk erstmals unüberhörbar deutlich ausgetragen wird. dreisprachiges BILD im Dezember ist Ausdruck einer kompositorischen Suche nach der inneren Wahrheit, nach einem neuen ästhetischen Fixpunkt. Carmen Maria Cârneci löst sich mit diesem Stück von thematischen Strukturen, arbeitet vielmehr mit einer prozesshaften, sich stets neu formenden Rhythmik und Melodik und mit differenzierten klangfarblichen Veränderungen, die auch heute noch, selbst für ihre groß besetzten Werke, charakteristisch sind. In dreisprachiges BILD im Dezember wird jene entfesselte Kraft hör- und spürbar, mit der sich Carmen Maria Cârneci auf die neugewonnene Freiheit im Umgang mit allen musikalischen Ausdrucksebenen zubewegt.
Nicht nur das anschließende Studium bei Klaus Huber hat Carmen Maria Cârnecis kompositorisches Denken und ihre stilistische Standortbestimmung entscheidend beeinflusst, sondern auch das Dirigieren eines breiten Repertoirespektrums von der Klassik bis zur zeitgenössischen und eigenen Musik. In Freiburg studierte sie auch Dirigieren und formte dabei einen individuellen Stil, der äußerste rhythmische Präzision und aufmerksam differenzierende Klangformung vereint. Gleichermaßen energisch wie introvertiert, ebenso deutlich wie elegant, verleiht sie ihrem Dirigat körperlichen Ausdruck.
In ihrer Oper Giacometti spiegelt sich das künstlerisch Erreichte. Das Libretto hat Carmen Maria Cârneci aus Tagebuchnotizen und Briefen Giacomettis zusammengestellt. Entstanden ist eine klar konstruierte Musik mit pointil-listisch-ereignishaften Momenten, die jedoch oft in emotionale Farbgebungen umschlägt und genau mit den Grundelementen arbeitet, die nach Carmen Maria Cârnecis Ansicht Giacomettis Kunst und Persönlichkeit definieren. Lust am Spiel, Unruhe, Rastlostigkeit, Zerstörungsneurosen und Erotik finden ihre Projektionsfläche im Orchestersatz. Unterschiedliche Klangfarben und konstrastierende Rhythmen sind luzid zusammengesetzt. Sich immer wieder neu entwickelnde Melodielinien werden jäh abgebrochen und versanden dumpf abgestoppt in den Schlaginstrumenten. Die gestische, sprechgesangartige und impulshafte, oft spontan-explosive Führung der Gesangsparts führt zu einer engen Vernetzung von instrumentaler und textueller Ebene. Ein Zuspieltonband mit Frauenstimmen, das in die gesungenen Partien eingeschoben oder mit instrumentalen Flächen gekoppelt wird, beinhaltet Texte über die erotischen Phantasien Giacomettis und derb-vulgär lockende Aufforderungen von Prostituierten, immer schwankend zwischen Parlando und transparenten Gesangslinien. Die Ebene der Erotik wird zum akustischen Kontrapunkt des Intellekts.
So verwandelt sie die eingefrorene Dynamik der Objekte Giacomettis in ein etwa siebzigminütiges, in langsamem Tempo fließendes, impulshaftes Bewegungs- und Klangmobile, in dessen Zentrum das kunstschaffende Subjekt steht. Mit geradezu kafkaesker Konsequenz lenkt Carmen Maria Cârneci Text und Musik ihrer Oper durch die gedanklichen Innenräume eines Künstlers.
Die Oper Giacometti ist musiktheatralischer Ausdruck von Carmen Maria Cârnecis Streben nach der eigenen inneren Wahrheit, und aus Libretto und Klangtext spricht deutlich ein Stück eigener Biografie. Trotz oder gerade wegen ihrer seit Mitte der 80er Jahre geteilten Existenz, einerseits in Freiburg, andererseits in Bukarest lebend, was auch ein ständiges Hin und Her zwischen Mentalitäten und ästhetischer Wahrnehmung bedeutet, hat sich Carmen Maria Cârneci zurückgezogen und jenes Streben nach der eigenen inneren Wahrheit zum zentralen Kern ihres Arbeitens gemacht. Einer Wahrheit, die nur im Zentrum des künstlerisch arbeitenden “Ich” existieren und gefunden werden kann, zwischen Vergangenheit und Zukunft, Vision und Realität, künstlerischer Individualität und Umweltwahrnehmung.
Axel Fuhrmann (1997)