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Violeta Dinescu

Biografie

*13.7.1953 Bukarest

Violeta Dinescu studierte Musik am Konservatorium ihrer Geburtsstadt und schloß 1976 ihr Studium mit Diplomen in Komposition, Klavier und Pädagogik ab. Sie nahm u.a. Unterricht in Komposition bei Myriam Marbe, Instrumentation bei Aurel Stroe, Formanalyse bei Stefan Niculescu. 1978-1982 unterrichtete sie an der George-Enescu-Musikschule in Bukarest Musiktheorie, Ästhetik und Klavier. 1982 kam Violeta Dinescu mit einem Stipendium nach Deutschland, wo sie seither lebt; 1989 erhielt sie die deutsche Staaatsbürgerschaft. 1986-1989 war sie Dozentin für Theorie und Kontrapunkt an der Hochschule fur Kirchenmusik in Heidelberg, 1989-1991 folgte eine Dozentur an der Musikhochschule Frankfurt. 1990 wurde sie Dozentin an der Fachakademie für Kirchenmusik in Bayreuth. Seit 1996 hat sie eine Professur für angewandte Komposition an der Universität Oldenburg. Daneben geht sie Lehrverpflichtungen in den USA nach. In Heidelberg war sie Mitbegründerin eines Ensembles für neue Musik sowie des 'Kulturinstituts Komponistinnen'. Sie ist europäische Korrespondentin der IAWN (International Alliance of Women in Music).

Für ihr kompositorisches Schaffen erhielt Violeta Dinescu zahlreiche Förderstipendien, u.a. bei den Darmstädter Ferienkursen (1980, 1982), von der Stadt Mannheim (1984), der Herbert-von-Karajan-Stiftung (1985), dem Land Niedersachsen (1985) und der Stadt Baden-Baden (1987). Zahlreiche Kompositionspreise wurden an Violeta Dinescu verliehen: u.a. 1983 der Grand Prize for Composition der Utah International Competition for Composers, 1985 der IAM-Preis in Kassel und ein Preis des Festivals 'Internationales Jahr der Musik' in Budapest, 1986 der Carl Maria von Weber-Preis in Leipzig, 1995 der NYU Prize for composition (New York).

Werke


Der 35. Mai

Kinderoper in sieben Bildern (1985/86)
Text: Florian Zwipf, Ulrike Wendt nach Erich Kästner (Der 35. Mai)
Soli: Onkel Ringelhut (T od. Bar), Konrad, sein Neffe (Knabenstimme), Negro Kaballo (B), Seidelbast, Präsident der Schlaraffen (T), Hannibal, Feldherr (T), Südseekoch (T), Portier des Schlaraffenlandes (Bar), Clemens Waffelbruch (Bar), Wallenstein, Feldherr (Bar), Hannemann, Schlaraffe (B), Kaiser Karl der Große (B), Rabenaas (B), Ottilie Überbein (S), alte Dame (S), Schimmelfräulein (S), Babette (Mädchenstimme), Empfangschef (Knabenstimme), Lehrer Jakob (Knabenstimme), Petersilie (Mädchenstimme/S)
Kinderchor / 1. 1. 1. 1. / 1. 1. 1. 0. / 2 Schlzg. Klav (Cem). Org (Cel). Hf. / Streicher (auch solistisch)
Uraufführung: 30.11.1986, Mannheim / Dauer: abendfüllend
Sy. 3101 Partitur / *Kla. / Sti.

Inhalt

Konrad muss für die Schule einen Aufsatz über die Südsee schreiben, denn er ist gut in Mathematik und – so die These des Lehrers – habe deswegen keine Fantasie und müsse seine Vorstellungskraft üben.

Zum Glück gibt es Onkel Ringelhut und es ist Donnerstag, der 35. Mai. Der richtige Tag, um durch den alten Wandschrank im Flur immer geradeaus auf dem arbeitslosen Zirkuspferd Negro Kaballo in die Südsee zu reiten, um sich an Ort und Stelle zu informieren…

Auf ihrem Weg kommen sie durch das Schlaraffenland, in dem Faulheit eine Tugend und Fleiß ein Laster ist, in die verkehrte Welt, in der die Kinder in der Schule für schwer erziehbare Eltern das Heft in der Hand haben, in die Burg Zur großen Vergangenheit, in der Hannibal und Wallenstein Kriegsspiele spielen, in die vollautomatisierte Stadt Elektropolis, in der die Maschinen die Arbeit übernommen haben.

In der Südsee schließlich zeigt die schwarz-weiß karierte Häuptlingstochter Petersilie Konrad ihr Land, und zu guter Letzt zaubert Häuptling Rabenaas den Wandschrank wieder herbei, damit Onkel Ringelhut und Konrad pünktlich zum Abendbrot wieder zu Hause sind.

Violeta Dinescu zu „Der 35. Mai”:

An Kästners Geschichte schätze ich die Deutungsmöglichkeiten. Bei seinem Buch handelt es sich zunächst um eine Reisegeschichte, in der viele archetypische Personen und Situationen geschildert werden. Im Subtext vermittelt Kästner etwas Wesentliches: die Reise als Tor zu Reflexion über sich selbst. Wer reist sieht alles mit anderen Augen, […] entscheidend aber ist der Moment, wenn Konrad und Onkel Ringelhut durch den Kleiderschrank die fremde Welt betreten. Ab hier beginnt das Abenteuer. Und dabei ist mir positiv aufgefallen, dass er scharfe Kritik am Krieg oder an der Technisierung übt, ohne belehren zu wollen, ohne Lösungen anzubieten. […] Auf der Suche nach einer Musik, die für Kinder geeignet ist, stellte ich fest, dass man mit Klangfarben eine wunderbare Welt der Klangfantasie hervorrufen kann. Kinder erkennen z.B. eine Melodie wieder, auch wenn sie von einem anderen Instrument als zuvor gespielt wird. Ich kann damit sinnvolle Einfachheit auf der einen Seite durch das fantastische Spektrum der Klänge andererseits ausgleichen. Wenn man die Klänge gezielt einsetzt, werden die Kinder spielerisch auf diese Art von Reichtum aufmerksam gemacht. 

(Aus dem Programmheft der Hamburgischen Staatsoper)


Eréndira

Kammeroper in sechs Szenen (1991)
Text: Monika Rothmaier nach Gabriel García Marquez (Eréndira)
Soli: Eréndira (S), Großmutter (A od. B), Ulysses (Bar), 1. Mann/junger Mann (T), 2. Mann/Postbote/Bürgermeister (T), 3. Mann/Schmuggler (Bar), 4. Mann/Krämer/Missionar (B), 1. Novizin (S), 2. Novizin (S)
Kleiner Chor (ad lib.) / 1. 1. 1. 1. / 1. 1. 1. 0. / 3 Schlzg. Git. Klav (Cem. Org. Cel. Synth). / 1. 1. 1. 1. 1.
Uraufführung: 18.03.1992, Stuttgart / Dauer: 70'
Sy. 3133 Partitur / Kla. / Sti.

Inhalt:

Gabriel García Márquez’ grotesk mythenhafte Erzählung „Die unglaubliche und traurige Geschichte von der einfältigen Eréndira und ihrer herzlosen Großmutter” hat alle Voraussetzungen für ein spektakuläres Stück Musiktheater.

In einem bizarren Haus voller Möbel, Nippes und Uhren, im Herzen der Wüste gelegen, dort, wo „die Ziegenböcke aus Trostlosigkeit Selbstmord begingen”, beginnt für das Mädchen Eréndira der „Wind des Unglücks” zu wehen. Die monströse Großmutter macht ihre Enkelin Eréndira für den Brand ihres Hauses und damit für den Verlust ihrer gesamten Habe verantwortlich. Sie zwingt die 14jährige zur Prostitution, um neuen Reichtum anzuhäufen. Großmutter und Enkelin ziehen von Dorf zu Dorf, und überall stehen die Männer Schlange vor Eréndiras „Liebeszelt”. Ulysses, einer dieser Männer, verliebt sich in Eréndira. Er ist es schließlich, der auf Erénidras Bitten die Großmutter umbringt, nachdem das Mädchen nur zaghaft das Messer hinter dem Rücken der Großmutter erhebt und es wieder sinken lässt, als die Großmutter sie mit Namen anspricht. Trotzdem beansprucht Eréndira die Tat für sich „Ich habe es getan… ich habe sie getötet.”

Violeta Dinescu zu "Eréndira":

Die Erzählungen von Gabriel García Márquez eröffnen mir Wege in eine Welt der Magie. Diese magische Welt ist nicht isoliert, sondern steht in stetem Wechselspiel mit der Realität und ihrer breiten Palette an Möglichkeiten, die manchmal eine bis an die Schmerzgrenze gehende Dimension hat. Es könnte aber genauso eine Traumwelt sein, die blitzschnell in die Wirklichkeit fließt. Die Vermischung geht so weit, dass man lange Zeitabschnitte nicht mehr als Traum, sondern als reales Geschehen betrachtet. Man versinkt immer tiefer und hat doch das Gefühl, sich auch in die Gegenrichtung bewegen zu können. […]Das Unterwegs-Sein von Eréndira und ihrer Großmutter ist nicht nur eine Lebenssituation, es ist ein Dauerzustand, ein symbolischer Gestus, der vom kleinen Schritt bis zur kosmischen Bewegung reicht. Das innere Pulsieren hat mir für die Musik, die ich dafür gefunden habe, viel bedeutet. Kontinuierlich-polyphone Bewegung prägt das ganze Stück und erreicht eine Spannung von großer Intensität. Es ist, als ob ein Wirbel voller unkontrollierter Kraft mit Schwung startet und nicht mehr zu stoppen ist. Das Ende der Geschichte, die in einem außergewöhnlichen Mord mündet, ist nicht zugleich der Schluss des Geschehens, sondern – man denke nur an das Bild dieser fast unsterblichen Großmutter – der Versuch, über die natürlichen Grenzen des menschlichen Lebens hinaus weiter agieren zu können: der archaische Traum und Albtraum der Menschheit. In meine Musik habe ich also nicht nur eine linear funktionierende Geschichte bzw. ein Libretto integriert, sondern auch das Werden und Wachsen dieses lebendigen Raums, den Márquez in seinen Texten so selbstverständlich zu realisieren versteht.

(Aus dem Programmheft der Staatsoper Stuttgart, Spielzeit 1991/1992)

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Komponisten A-L Zeitgenössische Musik

Dinescu, Violeta