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Olga Neuwirth

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Portrait

Die Klangwelten von Olga Neuwirths Kompositionen gleichen verschlungenen Labyrinthen und erschließen sich nicht beim ersten Hören. Die Suche nach Orientierungspunkten läuft ins Leere: Tonhöhen, instrumentale Klangfarben, Formverläufe – mithin all jene Kennzeichen, die dem Ohr einen gewissen Halt verleihen könnten –, werden von der Musik absorbiert oder weggewischt. Hinter der verwirrenden Fülle von Klangmustern verbirgt sich eine systematische Dekonstruktion akustischer Alltagserfahrungen: Hier wird manch durchaus Alltägliches und Bekanntes stark verfremdet und in neue Kontexte gestellt. In gleichem Maße, wie die Erkennbarkeit von Klängen abnimmt, werden sie und ihre Klangqualitätcn durchlässig für mögliche Assoziationen des Hörers. Daß die Komponistin häufig zu extremen Mitteln greift, um diese Wirkung zu erreichen, macht ihre Musik so interessant und spannend.

Olga Neuwirth setzt ihre ganze schöpferische Fantasie ein, um der Sprachlosigkeit über die Irrationalität des menschlichen Daseins zu entkommen und dieses Irrationale gleichsam musikalisch enthüllen. Ihre Werke haben daher viele Berührungspunkte, in denen sich auch die vielfältigen Interessen der Komponistin spiegeln. Ein Beispiel hierfür bieten formale Struktur und musikalische Sprache ihrer Kompositionen, die mit abrupten Schnitten, Überlagerungen, rasch aufeinanderfolgenden Kontrasten und Montagen heterogener Materialien einen starken Einfluß filmischer Elemente verraten.

Darüber hinaus sieht Olga Neuwirth in der Anwendbarkeit aller Möglichkeiten der Technik eine große Herausforderung für ihre Arbeit. Hierbei fällt insbesondere dem Medium der Live-Elektronik eine zentrale Rolle zu: Im ständigen Spiel zwischen den Klängen der Instrumente und den künstlich generierten Klängen live-elektronischer Verfremdung entsteht ein Spannungsverhältnis, das in der Musik gekonnt als Ausdrucksmittel eingesetzt wird.

Die Enthüllung des Irrationalen – dieses Ziel bedarf eines kraftvollen Zupackens, aber auch der Wut und des Ungehorsams gegen gängige Konventionen. In ihrem Beziehungsreichtum, ihrem mitunter schonungslosen Duktus und ihrer aggressiven Materialvereinnahmung fordern Olga Neuwirths Kompositionen eine Umwertung alltäglicher, scheinbar nicht weiter hinterfragbarer Werte. Gerade hierin liegt die Ursache für die zahlreichen grotesken Elemente und den grimmigen Humor, der immer wieder aus dem Komponierten hervorbricht. Beides sind gleichsam Formen des Überlebens und des Protests gegen den alltäglichen Wahnsinn und damit ein Mittel, sich der Emotionslosigkeit und Kornmunikationsunfähigkeit des modernen Lebens zu stellen. Olga Neuwirths Arbeiten wollen daher als permanente Stellungnahmen gegen die Absurditäten des Alltags verstanden werden; mit ihrer Vielfalt an Klängen vermitteln sie ein Feld von Assoziationen, das im Hörer das Bedürfnis nach aufmerksamem Beobachten und Betrachten seiner alltäglichen Umgebung intensivieren kann. Dies setzt allerdings die Bereitschaft zum reflektierenden Zuhören voraus.

Stefan Drees

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Neuwirth, Olga