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Wenn man nicht mehr weiß, wer was wann macht, oder: Der Reiz der Unsicherheit

Interview mit dem Schweizer Komponisten Michel Roth

von Sibylle Kayser

Herr Roth, am 2. Dezember 2011 wird in Zürich Ihr Stück "Räuber-Fragmente" für Sprecher, improvisierendes Soloinstrument, Gitarre, Saxophon und Kontrabass uraufgeführt. Können Sie etwas über die Konzeption dieses Werkes erzählen?

Ich beziehe mich fragmentarisch auf Robert Walsers Roman Der Räuber. Eine Grundkonstellation des Buches bilden die unscharfen Grenzen zwischen Autor, Erzähler und dessen Hauptfigur. So beschimpft der Erzähler unablässig „seinen“ Räuber, wobei dieser ziemlich unräuberischen Tätigkeiten nachgeht und selbst einen Roman verfasst. Das macht der Erzähler zwar lächerlich, aber gleichzeitig gibt er die eigene Überforderung als Autor eines Räuber-Romans offen zu und bedankt sich einmal sogar bei der Räuberfigur für deren Mithilfe. Das Verwirrspiel führt sogar so weit, dass der Erzähler nur mit Mühe zwischen sich und seiner fiktionalen Figur zu unterscheiden vermag. Diese Offenheit der Konstellationenbildung und das Aufbrechen verlässlicher Hierarchien sind grundlegend für mein Stück Räuber-Fragmente.

Wieso bekommt „nur” ein Instrument improvisierende Freiheit? Ist bei den anderen Musikern und beim Schauspieler alles fixiert?

Ich montierte Ausschnitte aus dem Roman zu einer Art mobilem Hypertext, der sich mit den musikalischen Ereignissen zu einer rätselhaften Polyphonie verwebt. Der Schauspieler wird dabei von den ebenfalls sprechenden Musikern immer wieder unterbrochen, muss auf deren Einwände spontan reagieren, wobei sich auch die Musiker ins Wort fallen, korrigieren, zur Ordnung rufen. Parallel finden alle diese Situationen ihren Niederschlag in der kompositorischen Organisation der Musik, die ein äußerst komplexes, selbst für mich als Komponisten nicht mehr völlig durchschaubares Netz an Abhängigkeiten und spontanen Reaktionsketten erzeugt. Hinzu kommt der improvisierende Solist, quasi der „Räuber”, der sich sein Material aus den auskomponierten Parts der anderen Musiker zusammenklaut, dafür von den übrigen Beteiligten mit Walserschen Invektiven beschimpft wird, der aber gleichzeitig auch eine Art „Leser” ist, da er diesen Text- und Musikschwall mit seinem Handeln interpretiert, in eine Richtung steuern kann.

Wie ist das grundsätzliche Verhältnis Komposition/Improvisation?

Die Grundidee war, ein Stück zu schreiben über verschiedene Freiheitsgrade und dabei einen Musiker zu integrieren, der ganz frei improvisiert. Doch auch in den komponierten Passagen des Ensembles gibt es viele Zwischenformen bis hin zur Konzeptimprovisation. Ein wichtiger Aspekt sind dabei paraphrasierende Wiederholungen, also die Anweisung an die Musiker, bestimmte Passagen frei variiert mehrfach zu spielen. Überdies vernetzt sich das Ensemble punktuell durch musikalische Reaktionsketten, also durch spontane Entscheidungsprozesse. Nimmt man alles zusammen, so sind die Beteiligten beim Spielen in einer ähnlichen Situation wie der Leser von Walsers in mikroskopischer Schrift niedergeschriebenem Roman: Man ist permanent am Entziffern, am Herstellen von Zusammenhang und Sinn und verliert sich sogleich wieder im Labyrinth der Varianten und Möglichkeiten.

Allein schon die Besetzung – Stimme plus Gitarre, Saxophon und Kontrabass– lässt auch an Jazzmusik denken. Gibt es da eine Verbindung?

Nur dahingehend, dass der „improvisierende Solist” bei der Uraufführung in Zürich der bekannte Jazzsaxophonist Urs Leimgruber sein wird, worüber ich mich sehr freue.

Es gibt derzeit eine starke Öffnung seitens der Neuen Musik hin zu improvisatorischen Konzeptionen. Was fasziniert Sie persönlich daran?

Improvisation als künstlerische Betätigung spielte bei mir nur in Jugendjahren eine Rolle. Aber ich bin in den letzten Jahren auf anderem Weg wieder in die Nähe davon gekommen, da mich verschiedene Formen von Hierarchien, Spielregeln und spontanen Interaktionen beim Musizieren interessieren. Das führte mich zur „Zwischenwelt” der Räuber-Fragmente, wo Komponiertes improvisatorisch interpretiert werden muss und umgekehrt die freie Improvisation fest einkomponiert ist. Hier könnte man natürlich wieder an Jazzmusik denken, doch mindestens so starke Einflüsse habe ich Fluxus-Kompositionen oder beispielsweise Triangel von Péter Eötvös zu verdanken.

Sie sind seit diesem Herbst Professor für Komposition an der Musikhochschule Basel, davor waren Sie 10 Jahre Professor an der Musikhochschule Luzern. Verändert diese Tätigkeit auch etwas bei Ihnen als Komponist?

Der Kompositionsunterricht ist zwar Kräfte raubend, aber äußerst inspirierend. Ich werde wöchentlich mit unzähligen neuen Ideen und Fragestellungen konfrontiert, muss mich in völlig andere Vorstellungen und Ideale als die meinigen hineindenken. Mein zusätzlicher Forschungsauftrag ermöglicht mir, einen Teil meiner Arbeit freischaffend innerhalb der Strukturen der Hochschule zu leisten, das gibt wertvolle Spielräume fürs Komponieren. Vielleicht am meisten prägt mich meine Tätigkeit als Dozent für zeitgenössische Kammermusik. Hier lassen sich nicht nur die Stücke von geschätzten Kollegen aufführungspraktisch testen, hier lerne ich auch viel über Möglichkeiten und Grenzen des Zusammenwirkens beim Musizieren. Mein Stück Räuber-Fragmente hätte ich jedenfalls ohne diese Erfahrung nicht schreiben können.

Herr Roth, vielen Dank!

Michel Roth Seite bei RICORDI München: Biografie, Werke