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Gerhard Stäbler

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Portrait

Stäblers höchst genauer, dem Widerhall des Weltlaufs im Material nachspürender konstruktiver Umgang mit Musik zeigt sich in einem weitgefächerten, originellen Spektrum von Stoffen, Themen und von Verfahrensweisen einer Codierung, die ihrerseits die Töne zum Sprechen über die Welt bringt. Als generative und formative Mittel verwendet Stäbler nicht nur Zahlen- und Buchstabenreihen u.a.m., sondern auch so ungewöhnliche Zeichenrepertoires wie z.B. das Morse-Alphabet; dieses liegt den Ungaretti-Liedern für Stimme und Schlagwerk als Tiefenstruktur zugrunde. Ernst und Engagement sind dabei oft mit Spielerischem und Witz gepaart. So ist etwa die Komposition Zeitsprünge für Schlagzeug und Akkordeon ein nicht-naturalistisches Porträt von Stäblers Tageslauf.

Seine politische Wachheit und sein gesellschaftliches Verantwortungsbewußtsein artikuliert er in einer vielschichtigen und bedeutungsreichen Musiksprache. Er zielt auf eine universale Semantisierung möglichst aller Momente des Tonsatzes. Dafür unterwirft er, geschult an seriellen Verfahren, manchmal sogar noch Details wie den Abstrahlwinkel der Instrumente oder die Raumtemperatur dem kompositorischen Kalkül.

Sein radikal konstruktives Denken in Tönen erfordert Mithören und Nachdenken, nach dem Titel eines Chorwerks Mit wachen Sinnen. Programmatisch auch ein Titel wie der des Streichquartetts: ...strike the ear... . Oft sind es winzige Details, in denen sich der Sinn auskristallisiert. Die Bagatelle Dynamik/Eigendynamik entfaltet sich klanglich als ruhige, vokal-instrumentale Variation der Teiltöne von C; ein subkutanes Regulativ sind Melodiekonturen aus der Internationalen, von der wiederum einige Zeilen als Motto dienen. Subtilität schließt dabei Agitatorik nicht aus, etwa in der raschen Reaktion auf ein Ereignis wie ein Massaker an Palästinensern, Den Toten von Sabra und Chatila, oder dann auf die deutsche Einigung: Oktober (1989) und Affiliert. Und die Kunst des Übergangs hat zum Gegenstück die Verwendung abrupter Kontraste, realisiert z.B. im Werk mit dem paradoxen Titel rasend still.

Durchweg bevorzugt Stäbler allmähliche, konzentrierte Abläufe, die mehr auf Parataxe (auf Montage eines Neben- und Nacheinander) als auf Hypotaxe (dem Prinzip der Unterordnung) und klassisch-organischer Entwicklung basieren. Im Triptychon Ruck-Verschie(o)ben Zuck- werden Klangstrukturen auf- und abgebaut, Proportionen wie der goldene Schnitt bilden Regulative für die Form und sind ihrerseits vernetzt mit Zahlen, die Stäbler aus Namen von Widmungsträgern ableitet, deren Buchstaben er überdies noch für die Tonhöhenorganisation in Tonnamen übersetzt.

Immer wieder öffnet er aber auch die dichte, homogene, manchmal fast monadische Struktur seiner Werke für ÏAusblickeí nach draußen, für ÏRealiení, für Einsprengsel von Heterogenem, sei es in Gestalt von Realtönen oder von Zitaten, die er als Fremdes und Anderes kenntlich macht - in fallen, fallen... und liegen und fallen auf Gedichte von Celan etwa mit Einblendungen von Marsch- und Werbemusik als finsteren Verweisen auf Vergangenheit wie Gegenwart. Stäblers rigoros vor- und durchorganisierte Musik ist welthaltig und ausdrucksgeladen. Sie bleibt dem Hörer und der Welt unhermetisch, freundlich zugewandt.

© Hanns-Werner Heister

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