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Bühnenfoto: © Dorian Šilec Petek
Die 40 Mädchen der Carmina Slovenica aus Maribor. Bühnenfoto: © Dorian Šilec Petek

Im 60. Lebensjahr von Heiner Goebbels geht sein neues Musiktheaterprojekt "When the Mountain Changed Its Clothing" europaweit auf Tournee

„Komponiere stets so, dass du mit deiner Musik den Hörer nicht entmündigst. Musik reflektiert gesellschaftliche Realität, ihr Standort und ihre Haltung müssen immer neu bestimmt werden.” Diese Maxime künstlerischen Handelns ist für Heiner Goebbels Ergebnis seines bereits zur Studentenzeit erwachten sozialkritischen Engagements. Er ist ihr bis heute treu geblieben. Auch sein neuestes Projekt "When the Mountain Changed Its Clothing", das am 26. September 2012 im Rahmen der RuhrTriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle zur Uraufführung gelangen wird, kündet von politischen und sozialen Veränderungen in der Region, aus der die Protagonisten dieses Musiktheaterwerks stammen. Das Werk – so die Ankündigung des Festivals – „thematisiert vor allem den Umbruch, in dem sich die 40 Mädchen der Carmina Slovenica aus Maribor im Alter von 10-20 Jahren befinden. Sie konfrontieren uns mit Geschichten und Fragen zum Abschied von ihrer Kindheit. [...] Im Wechselspiel zwischen Souveränität und Repression bewegen sich die jungen Sängerinnen durch den Zyklus der Jahreszeiten und balancieren die Machtverhältnisse stetig neu aus – untereinander und vor allem zwischen Publikum und Bühne. [...] Gemeinsam mit den Sängerinnen und dem künstlerischen Team entwickelt Heiner Goebbels ein Szenario, in dem die Mädchen ständig zwischen einem Klischée kindlicher Unschuld und Unberechenbarkeit schwanken.”

Zur Verwendung kommen in dieser Produktion neben der Musik von Johannes Brahms, Arnold Schönberg, Karmina Šilec, Sarah Hopkins und Heiner Goebbels auch Texte von Jean-Jacques Rousseau, Joseph Eichendorff, Adalbert Stifter, Gertrude Stein, Alain Robbe-Grillet, Marlen Haushofer, Marina Abramović, Ian McEwan. Für Bühne und Licht sorgt Klaus Grünberg, die Kostüme stammen von Florence von Gerkan, die künstlerische Leiterin des „Vocal Theatre Carmina Slovenica” ist Karmina Šilec.

Gastspiele der Uraufführungsproduktion wird es in Graz (12. und 13.10.), Maribor (16.10.), Paris (25.-27.10.), Brüssel (4.-6.5.2013), Luxembourg (10. und 11.5.2013), Hannover (21. und 22.6.2013) und Amsterdam (25. und 26.6.2013) geben.

So wenig Hemmungen Heiner Goebbels hat, sich aus verschiedensten Quellen der Kultur- und Musikgeschichte zu bedienen, verschiedenste Fundstücke daraus in neue Kontexte zu stellen und in manchen Fällen auch bis zur Unkenntlichkeit zu verfremden, so unverrückbar fest steht sein Wille, damit originelle und charakteristische Bühnenereignisse zu schaffen, die den Zuhörer/Zuschauer intellektuell wie emotional bereichern. Wie kaum ein anderer kreativer Künstler unserer Zeit gelingt es Goebbels dabei seit Jahrzehnten, der Gewohnheitsfalle zu entgehen. Zuerst revolutionierte er das Genre des Hörspiels, nahm dafür Worte, Sätze, Handlungsstränge auseinander, allerdings nicht, um damit reine Sprachkunst zu schaffen; seine Hörspiele waren in ihren Abläufen vielmehr immer entscheidend musikalisch motiviert: Worte, Satzfetzen, Sprechweisen sind den Tönen, Klängen und Geräuschen gleichwertiges kompositorisches Material. Schnell wurde Heiner Goebbels zur Leitfigur für die Radio- und Hörspielkunst und erhielt alle internationalen Preise, die dieses Genre zu vergeben hat. Doch dabei blieb er nicht stehen.

Seine Gabe, die gegebenen Ordnungen der Dinge nicht als unveränderlich zu betrachten, prädestinierte ihn dafür, auch in dem Bereich tätig zu werden, in welchem Musik auf ein Konzertpublikum trifft. Dabei geht es selten um die Bedienung konventioneller Konzertsituationen, denn die Kompositionen von Heiner Goebbels haben meist auch eminente narrative und theatrale Qualitäten. Bereits bei dem aus acht Episoden bestehenden Werk "Surrogate Cities" sind die Aufführungsmodalitäten wie Beleuchtung und Mikrofonierung genauestens festgelegt. Von hier ist es ein kleiner Schritt hin zu seinen „kompositorisch-inszenatorischen Konzepten”, also zu Stücken, die weder reines Musiktheater noch reine Konzertstücke sind. Hier findet sich der Musiker als Darsteller auf der Bühne wieder. Aber – und das ist das ebenso Einfache wie Geniale – er muss niemanden anderen mimen als einen Musiker. Goebbels’ "Schwarz auf Weiß", damals für das Ensemble Modern entstanden, wird von diesen Musikern seit sechzehn Jahren weltweit höchst erfolgreich aufgeführt (und erlebte inzwischen auch eine Adaption durch das tschechische Orchester Berg). Aufbauend auf diesen Erfahrungen entstanden in den letzten Jahren immer wieder Kompositionen für sogenannte „inszenierte Konzerte”, die jeweils auf die Eigenheiten und Fähigkeiten bestimmter Ensembles abgestimmt sind: "...même soir.- (...am selben Abend.-)" für Les Percussions de Strasbourg, "Songs of Wars I Have Seen" nach Texten von Gertrude Stein für die London Sinfonietta und das Orchestra of Age of Enlightement und "I went to the house but did not enter" für das Hilliard Ensemble.

Einen Schritt hin zur Gattung der Oper (wenn auch nicht der Handlungsoper) unternahm Heiner Goebbels 2002 mit dem abendfüllenden "Landschaft mit entfernten Verwandten" nach Texten und Motiven von Giordano Bruno, Arthur Chapman/Estelle Philleo, T.S. Eliot, Francois Fénelon, Michel Foucault, Katharina Fritsch, Claude Lorrain, Henri Michaux, Nicolas Poussin, Max Reger, Gertrude Stein, Diego Velázquez, Leonardo da Vinci und Sisley Xshafa. Auch hier war der zentrale Ausgangspunkt die ausgedehnte wie intensive Zusammenarbeit mit den vielseitigen Musikern des Ensemble Modern, die als Instrumentalisten-Darsteller auf der Bühne durch einen gemischten Chor, einen Sänger (Georg Nigl) und einen Schauspieler (David Bennent) verstärkt werden. Collagetechniken, erweiterte Spieltechniken, Folkore-, Jazz- und Kinderliedzitate, außereuropäisches Instrumentarium, dokumentarische Textzuspielungen, Elemente der Installationskunst: All dies und noch viel mehr wird im Kontext von Goebbels’ Musiktheaterstücken zum möglichen Ausdrucksmittel. Sowohl das musikalisch Originäre und Neue als auch das Zitat historischer oder außereuropäischer Musik wird dabei in inhaltlich sinnvolle neue Kontexte gestellt, die auch bei einem mit Neuer Musik wenig vertrauten Publikum für ein Grundverständnis sorgen, das eine weiter gehende, intensive wie nachhaltige Musik- und Theatererfahrung möglich macht. Der damit erzielte weltweite Erfolg seiner Arbeit spricht für sich selbst.

Dass diese Erfolgsgeschichte in Form zahlreicher weiterer Projekte mannigfaltigster Art noch lange fortgeschrieben werde, wünschen wir Heiner Goebbels aus Anlass seines 60. Geburtstags am 17. August 2012. Herzliche Gratulation!

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